Wer sich nicht beherrscht, wird beherrscht – ein Plädoyer für Selbstdisziplin

Wenn ich Leuten davon erzähle, dass ich fast täglich in aller Frühe aufstehe, eiskalt dusche, mich meinen Yoga-Übungen widme und abschließend meditiere um so auf allen Ebenen „gereinigt und geschmiert“ in den Tag zu starten, werde ich oft ausgelacht. Aber ich lache gerne mit :-)

Abgesehen von den gesundheitsfördernden Aspekten durch die Anregung des Drüsensystems, der erhöhten Sauerstoffzufuhr, der Straffung der Haut etc. ist mir dieses tägliche Ritual zur liebgewordenen Praxis geworden. Und ja, natürlich – das kalte Waser weckt und erschreckt mich jeden Tag aufs Neue. Sie ist eine tägliche Prüfung und Gelegenheit eines täglichen Sieges – des Sieges über meinen inneren Schweinehund. Und dann lache ich ihn aus, tanze und hüpfe fröhlich in den Tag – und wenig kann mich mehr erschrecken, nach dem morgendlichen Kälteschock ;-).

Ich sage das nicht, um zu zeigen, dass ich ja ach so toll wäre. Ich will damit aufzeigen, dass es auch andere Wege als jene in den diversen Werbungen und Medien und den damit vermittelten Konsumwahnsinn gibt.

Es ist gesellschaftlich anerkannt, wenn Menschen sich Tage und Nächte lang vor die Tür eines Einkaufszentrums legen, um ein bestimmtes Mobiltelefon als erste zu ergattern, um sich dann davon seinen Tag diktieren zu lassen: Ständig online sein, permanentes „whats appen“, alles muss aufgezeichnet werden – wie schnell bin ich heute gelaufen, wie viel habe ich an Muskelmasse auf- und an Fett abgebaut? Ich komme ursprünglich aus der Landwirtschaft. So ein Verhalten erinnert mich an die Tiermast. Wieso behandeln wir uns selbst wie Masttiere? Wieso reicht es nicht, laufen zu gehen, aufzugehen in den Rhythmus der Natur und jenen des eigenen Körpers, Gedanken zu reinigen und einfach zu fühlen, was Bewegung in und der heilsame Klang der Natur mit uns macht – nämlich ein Lächeln in unser Gesicht zaubern, unseren Appetit anregen und die Freude und Intensität des Geschmacksinns schärfen und vieles mehr?

Nicht jeder Tag ist gleich. Ja, es ist mitunter anstrengend, mühsam und quälend, sich in aller Frühe diesem Prozedere zu unterziehen. Aber wie viele strengen sich an, flaschenweise ungesundes Zeug wie krankmachende Softdrinks nach Hause zu schleppen? Wie viele mühen sich damit ab, jede Sekunde ihres Lebens, mindestens 10 kg zu viel – oder auch zu wenig – mit/ohne sich herum zu tragen mit all den uns bekannten Begleiterscheinungen? Und wie viele von uns schleppen sich täglich zu einer Arbeit, die sie geistig und seelisch aushöhlt, nur um am Monatsende eine Ziffer am Konto zu erblicken, welche uns eine „Handlungs-Freiheit“ gibt – die trügerische Freiheit, weiter Dinge zu kaufen, die wir weder benötigen, noch uns selbst, unseren Kindern oder unserer Umwelt guttun…..die ohnehin nach viel zu kurzer Zeit entweder „out“ oder programmiert kaputt gehen und zu Müll werden….und wieder zu ersetzen sind, mittels einhandeln dieser Ziffer auf unserem Konto….

In dem sehr empfehlenswerten Buch „Ausgegeizt – Wertvoll ist besser – Das Manufactum-Prinzip“ von Uli Burchardt war zu lesen, dass der Deutsche Durchschnittsbürger (ich trau mich zu behaupten, das gilt auch für uns ÖsterreicherInnen) in seinem Leben ca. 100.000 Stunden fernsieht. Aus Beobachtungen weiß man, dass es ein Zeitinvestment von etwa 10.000 Stunden braucht, um ein Instrument, eine Sportart oder ein anderes Hobby auf hohem Niveau betreiben zu können.

Wir werfen also im Durchschnitt 10 wunderbare Gaben, Talente, Interessen und damit Quellen der Freude sinnlos weg. Zehn Quellen, die uns echtes Glück schenken, uns in unserer Gesundheit, körperlichen und geistigen Vitalität unterstützen und unsere Ängste mindern könnten. Zehn Gebiete, die uns täglich aufs Neue das zutiefst menschliche vor Augen führen und uns erheben könnten. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die unseren Selbstwert steigern und unser bedauernswertes Ego mindern würden. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die unsere Beziehungen beleben und bereichern würden. Fähigkeiten, die unser Denken täglich fordern und damit unsere Handlungen und Entscheidungen tiefgreifend verändern würden.

Aber klar, das klingt alles sehr schön, wenn es dazu nicht Disziplin bräuchte. Wer je ein Instrument gelernt hat, weiß um diese dunklen Stunden des Zweifels und der Entmutigung. Aber, an jenen Tagen nimmt uns die Disziplin an der Hand, um uns durch dieses Tal zu bringen. Disziplin trägt uns hinweg über den Schmerz von Anstrengung, Misserfolg und Rückschlägen. Und Disziplin erhebt uns in die luftigen Höhen echter Hingabe, bringt uns zum Erfolg, trägt uns weit über unsere Grenzen hinaus und schenkt uns damit unvergessliche Momente des Glücks.

Mein persönlicher Weg zur Disziplin ist heute ein yogischer. Er ist mir zu einem integrierten Bestandteil meines Lebens geworden. Es existieren tausende von Wegen. Mir erscheint nur eines wichtig – dass jeder und jede den seinen, ihren Weg heraus findet – hinaus aus dem geglaubten, weil so lange vorgegaukelten, trügerischen Konsum-Glück und der Ohnmacht in der Mitgestaltung unserer Lebenswelt.

Es fehlt im heutigen gesellschaftlichen, global und „too big to fail“ gewordenem System längst das Korrektiv. Aber das Korrektiv ist keine höhere Macht, es ist weder der Staat, noch ein Großkonzern, die FED, oder irgendwelche Außerirdischen. Das Korrektiv sind wir – jede und jeder einzelne von uns.

Nur wenn wir aufhören zu denken, was sie uns zu denken vorgeben, wenn wir aufhören zu sagen, was sie uns vorsagen, zu konsumieren, was sie uns zu konsumieren vorgeben, zu leben wie sie uns zu leben vorgeben, werden wir zu dem, was wir sind – großartige, einzigartige, beseelte Wesen, deren Aufgabe Ent-Wicklung und Lebenssinn Glück ist.

Es geht also darum, uns nicht weiter be-herrschen zu lassen, sondern dass wir uns Menschen endlich wieder unsere Würde zurück holen. Würde heißt in Eigen-Macht leben, also selbst-beherrscht. Selbstdisziplin ist der Weg dort hin. Die Mühe zahlt sich aus – you can´t beat THAT feeling!

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Karin Doppelbauer – KARIANG SINNMANAGEMENT – www.kariang.com

2. Juni 2015

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